Taji Kase: "[...] Nachdem ich mit Gishin Funakoshi gesprochen hatte, und ihm versichert hatte, dass ich weder ein Straßenschläger noch ein Gangmitglied sei, nahm er mich als Schüler im Dojo Shotokan auf".
Das Hombu Dojo wurde Mitte 1935 errichtet, in Zoshigaya Toshima (Tokio) und knapp ein Jahr danach fertiggestellt. Funakoshi, damals 69 Jahre alt, weihte es am 20. Januar 1936 ein. Nach einem zeremoniellen Training begann Yoshitaka Funakoshi den Unterricht zu leiten.
Am 7. Dezember 1941 bombardiert Japan Pearl Harbour. Durch den Ausbruch des Krieges suchen viele Japaner eine wirksame Kampfkunst. Das Karate, wegen seines schlechten Rufes, wurde nicht jedem gelehrt.
Kase: "Ich glaube, dadurch dass ich den 2. Dan im Judo hatte, war es für mich relativ einfach ein Schüler des Dojo Shotokan zu werden. Eigentlich war es sehr schwierig aufgenommen zu werden, die Schüler wurden detailliert ausgesucht, und ich glaube das war nicht umsonst... Das mag heute in wenig übertrieben klingen, aber 1944 waren die Personen die Schusswaffen eigneten, im Besitz eines Katana; und diejenigen die Karate ausübten, hatten dies der Polizei zu melden. Ein Schwarzgurt wurde als lebendige Waffe angesehen. Es wurden Geschichten erzählt, in denen ein Karateschwarzgurt eine Bande von Mafiosos und Säufern mit Schlägen aus dem Stadtviertel vertrieben hatte. Die Schwarzgurte wurden extrem hoch respektiert in Japan. Ihr Geist, ihr Rang und ihre Denkweise sind mit den heutigen Karateka nicht vergleichbar".
[Anmerkung: Heutzutage ist es genau umgekehrt. Karate hat seinen Ruf als gefährliche KK verloren und ist stattdessen eine friedliche Budo-Kunst geworden. Vor einem Karateschwarzgurt hätte auf der Straße kaum jemand mehr Respekt.]
Interessanter Weise waren die einzigen, die verpflichtet waren bei der Polizei gemeldet zu sein, die Karateka. Die Schüler anderer Kampfkünste mussten dies nicht tun. Jener Ruf kam nicht von ungefähr.
Kase: "In jener Epoche machte man kein Jiyu-Kumite, Freikampf, sondern Ippon Kumite, Kampf mit nur einem Schlag, Kihon Kumite, Anwendungen der Kata und Sanbon Kumite, Sequenzen von Angriff und Verteidigung. Aber man schlug hart, sehr hart zu, schnell und explosiv: Angriff, Block, Gegenangriff. Die Techniken der Kata wurden mit maximalem Realismus ausgeführt. Teilweise so extrem, dass es bei einigen Tritten oder bei Blocks auch mal zu Knochenbrüchen kam. Sowohl Angriff als auch Verteidigung waren voll real; wir kannten das Wort Kontrolle gar nicht. Ich erinnere mich an einen kleinen und schmächtigen Kollegen, der sich den Arm gebrochen hatte, als er um sich vor einem Mae Geri, einen frontalen Tritt, zu schützen, diesen mit einem Gedan Berai, einer tiefen Abwehr, abzublocken versuchte. Der Arm war zwar gebrochen, doch sein Gegner, der zudem um einiges größer und stärker war als er, war durch seinen Konterschlag zu Boden gebraucht. Das war der Geist des Shotokan Dojo...".
Meister Kase hatte das große Glück, nicht nur im Hombu Dojo trainieren zu können, sondern auch mit Yoshitaka Funakoshi, dem Sohn des Gründers. Yoshitaka, der von seinem Vater und den anderen herausragenden Meistern seiner Zeit unterstützt wurde, trennte das japanische Karate-Do endgültig von der Kunst wie sie auf Okinawa ursprünglich ausgeübt wurde, er gab den Techniken eine Besonderheit, die nichts mehr mit dem ursprünglichen Karate zu tun hatten. Er war der große Künstler des Shotokan Karate; viele sahen ihn als Phänomen des Karate an, der er ein unglaublich hohes technisches Niveau und Meisterschaft erlangt hatte. Wem die Gelegenheit zu Ehre kam, bei ihm zu trainieren, bezeichnete ihn danach meist als den besten Karateka aller Zeiten.
[Anmerkung: Da irrt sich der Autor höchst wahrscheinlich. Yoshitakas "Änderungen" waren keine Erfindungen seinerseits, sondern entstammen aus dem Azato-Matsumura Stil, dem Yoshitaka wohl ebenfalls von seinem Vater gelernt haben muss. Sein Vater, der es vorzog in Japan den entschärten Shuri-Te Stil Itosus zu lehren, war früher schließlich auch ein Schüler von Azato. Damit wäre Yoshitakas Karate sicherlich "genuiner" als das bewusst entschärfte Itosu-Karate.]
Kase: "Als ich mit dem Shotokan begann, erzählten mir meine älteren Kollegen, dass Sensei Funakoshi der Pionier des Karate in Japan sei. Doch man sagte mir auch, dass er durch sein Alter keine Wandlungen mehr herbeiführen könne, sodass die wahre Entfaltung und die Entwicklung des Shotokan erst durch seinen Sohn Yoshitaka durchgeführt werden konnte. Als ich noch Anfänger war, trainierte ich nicht mit Yoshitaka. Ich lernte bei seinen Assistenten Hironishi und Egami, sie waren die Elite der Universität und trainierten die Anfänger. Zu jener Zeit war Gishin bereits sehr alt und erschien nur noch einmal die Woche um den Unterricht zu leiten. Doch Yoshitaka war in seinen Dreißigern. Auch wenn viele Jahre vergangen sind, kann ich mich doch sehr gut an das erste Training mit ihm erinnern. Eines Tages stellte sich uns ein Sensei vor, ich wusste nicht wer es war. Als ich aus Neugierde fragte wer das sei, sagte man mir, dass dies Waka Sensei, der junge Sensei, ist. Er hat uns erklärt, den Mae Geri langsam auszuüben, ohne das Bein abzustützen, zu Yoko Geri überzugehen und, ohne Stütze, zum Mawashi Geri zu wechseln. Er sagte: „Ich werde euch zeigen, wie man die Tritte korrekt ausübt.“ Er machte die Tritte mit der gleichen Kraft und Schnelligkeit. Ich erinnere mich noch heute an das Zischen in der Luft, das seine Tritte hervorriefen, begleitet von einem weißen Blitz seiner Hosen des Karate-Gi. Jeder Tritt hörte sich wie Donnergrollen an. Wir waren alle überrascht, so etwas hatten wir im Shotokan Dojo noch nie gesehen". [...] "An jenem Tag übten wir nur Tritte: Mae-Geri, frontal , Yoko-Geri, seitlich und Mawashi-Geri, rund. Der Mawashi-Geri war seine Spezialität: Er hob ein Knie an, fast bis zur Brust – von dort trat er zu, während das Standbein leicht angewinkelt war. Der Trick bei diesem Tritt lag in Wirklichkeit im Standbein, welches den Körper bewegt und den Tritt steuert. Wir übten abwechselnd auf halber, hoher und tiefer Ebene, zuerst langsam und dann immer schneller. Die Tritte von Yoshitaka waren elektrisierend. Ich erinnere mich noch genau daran, und es sind seither mehr als 60 Jahre vergangen! Das war einfach beeindruckend!".
Die Trainingseinheiten mit Yoshitaka waren zermürbend, man musste seine Technik Hunderte von Malen wiederholen, bis hin zur Erschöpfung. Er war überzeugt, dass man über seinen Möglichkeiten stehen müsse, nur so kann man für eine reale Situation vorbereitet sein.
Kase: "Waka Sensei hatte als Maxime ‚Brechen des Körpers zur Befreiung des Geistes’. Das war seine Einstellung, deswegen war sein Unterricht extrem hart, und das hatte absolut nichts mit dem zu tun, was man heute macht, selbst in meinem alten Unterricht nicht...seine Klassen waren berüchtigt für seine Härte. Wir trainierten wie Besessene. Manchmal flüchteten wir regelrecht aus dem Dojo, weil wir es nicht mehr aushielten. Doch nach einigen Tagen der Meditation kam man doch immer wieder zurück. Man konnte nicht mit dem Training aufhören. Ich brach mir einmal den Arm, und trainierte weiter. So war unsere Einstellung: Es gab keine Ausreden, man musste trainieren. Wir alle wussten wie schwerkrank Waka Sensei war, doch er war es , der am härtesten von allen trainierte. Es war der Geist, der das Shotokan lebendig erhielt. Für mich ist es von großem Wert, all diese Erinnerungen lebendig zu haben. [...] Das Karate interessierte mich immer mehr, und das Judo immer weniger. Das kam vor allem durch das Randori im Judo zustande, ich setzte meine Techniken aus dem Karate ein und machte jeden platt. Ich wusste, dass ich mit einem einzigen Schlag gewinnen konnte. Judo ist eine großartige Kampfkunst, doch meine Leidenschaft war das Karate Shotokan. Es machte keinen Sinn für mich, weniger Karate zu trainieren". [...]
"Den Krieg zu verlieren war für Japan ein großes Trauma, das bis heute noch nicht völlig überwunden ist. Viele Leute meiner Generation kämpften in jenem Krieg und einige waren, wie ich, zu den Kamikaze abgeordnet worden. Ich kam nicht zum Einsatz, denn der Krieg war kurz vor meinem Einsatz zu Ende. Zu jener Zeit gab es mehr Piloten als Flugzeuge. Wir hatten damals die Mentalität für den Kampf auf Leben und Tod, das war wie der Geist des Karate, wo es um Leben und Tod ging, denn wir hatten unser Land zu verteidigen. Das mag sich heutzutage etwas krass anhören, aber für uns war die Sache sehr klar. Während des Krieges übten wir immer mit der Idee, den Gegner zu töten, mit jeder Technik, mit jeder Bewegung. Im Kampf behielten wir diesen Geist bei, nur im letzten Moment stoppten wir den Schlag ab. Doch selbst mit dieser Kontrolle kam es zu ernsthaften Verletzungen, was man heutzutage im Dojo nicht mehr sieht."
Sonntag, 6. August 2006
Artikel mit Taji Kase
Ein Artikel aus "Kampfkunst International" (Ausgabe 03/06 von Pedro Conde)